Mit Sohn Matteo auf dem Arm feierte Jessica Lindner zusammen mit ihrem Team vom Budo-Club Karlsruhe (BCK) überschwänglich den 12:2-Kantersieg gegen den TSV Altenfurt zum Saisonauftakt in der Judo-Bundesliga. Die Neue in den Reihen des BCK konnte dabei einen Punkt zu diesem Sieg beisteuern und freute sich über ihren gelungenen Einstand. Was man von einer Frau, die sich immerhin Weltmeisterin nennen darf, jetzt allerdings auch erwarten konnte. Den Titel gewann das 1,58 Meter große und 48 Kilogramm leichte Energiebündel vor zwei Jahren bei der sogenannten Veteranen-WM der Internationalen Judo Federation (IJF) in Las Vegas, an der Judoka teilnehmen dürfen, die mindestens 30 Jahre alt sind und sich auf nationaler Ebene qualifiziert haben. Lindner, mittlerweile 34 Jahre alt, hatte sich für diese WM qualifiziert und holte sich den Titel in der Altersklasse F1, obwohl sie in der höheren Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm an den Start ging, weil der Veranstalter kurz vor Wettkampfbeginn des Spektakels willen die Gewichtsklassen 48 und 52 Kilogramm zusammengelegt hatte.
Mit sieben Jahren erstmals auf die Matte
Außer dieser Erfahrung und der goldenen Medaille gab es für sie dabei übrigens nichts zu gewinnen. Ein Preisgeld gab es in der Glückspiel-Metropole nicht. Und auf dem Gros der Reisekosten von rund 7.000 Euro blieb sie trotz kleinerer Zuschüsse von Verein, Verband und Innenministerium des Saarlandes sitzen. Dennoch war diese WM und der Titelgewinn „ein unvergessliches Erlebnis“ für die Frau, die im saarländischen Dudweiler aufgewachsen ist. Dort hatte sie als Kind so ziemlich alles ausprobiert hatte, was Sport betrifft. „Dann habe ich mal beim Judo zugeschaut und die bunten Gürtel haben mich ebenso fasziniert wie die weißen Anzüge. Das sah schick aus, und ich wollte das auch mal probieren, zumal niemand aus meinem Freundeskreis Judo gemacht hat“, erinnert sie sich an ihre Anfänge beim JC Dudweiler. Da war sie sieben Jahre alt und es zeigte sich schon bald, dass sie sich nicht nur der schicken Anzüge wegen eine Sportart ausgesucht hatte, die ihr sozusagen auf den Leib geschneidert war. Bald wurden Topvereine auf sie aufmerksam, und so stand sie ab 2011 beim renommierten Bundesligisten JSV Speyer auf der Matte, mit dem sie einige Erfolge feiern konnte.
Jetzt kämpft sie für den BCK in der Bundesliga. BCK-Geschäftsführer Fabian Schley, den sie vom Sambo kennt, das sie neben Ringen auch gerne macht, hatte sie schon einige Male gefragt, ob es sie nicht mal reizen würde, beim BCK zu kämpfen.“ „Ich habe das immer abgelehnt, weil ich Speyer eigentlich treu bleiben wollte, aber jetzt hatte ich einfach mal einen Umschwung gebraucht. Der BCK kämpft ja im Gegensatz zu Speyer in einer anderen Gruppe in der Bundesliga, auch gegen andere Vereine. Das hat mich gereizt, diesen Umschwung zu machen, zumal ich auch viele der Mädels hier auch schon von gemeinsamen Sambo-Turnieren kannte“, nennt Lindner die Gründe für ihren Wechsel zum BCK.
Sehr junges Team profitiert von Erfahrung
Hier bringt sie mit ihren 34 Jahren zudem auch einiges an Erfahrung mit, die der überwiegend sehr jungen Truppe durchaus gut tut. Sie selbst fühlt sich beim BCK „super aufgenommen“ und ist auch davon überzeugt, „dass wir auf jeden Fall die Play-offs erreichen werden“. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten und Söhnchen Matteo lebt Lindner, die im Zivilberuf als Polizistin arbeitet, nach wie vor in Dudweiler, ist musikalisch ein Fan von Rammstein und freut sich jetzt auf die Osterferien, in denen es nach Japan geht, wo sie schon einmal war. „Dort hat es uns sehr gefallen“, möchte sie Land und Leute jetzt etwas näher kennenlernen, als dies bei ihren bisherigen Sportaufenthalten der Fall war.
Text + Bild: Harald Linder / Badische Woche

